Die eigentliche Transformation durch KI befindet sich erst in den Anfängen, sagt Marc Stampfli, Business Director Schweiz bei Nvidia.

Interview: Tobias Soraperra, Wirtschaftregional

Am Dienstag, 24. März, findet im Vaduzer Saal der Digital Summit 2026 statt. Zu den Referenten gehört dabei auch Marc Stampfli. Als Business Director Schweiz bei Nvidia verantwortet er unter anderem die Strategie des Unternehmens im Bereich künstliche Intelligenz.

Künstliche Intelligenz ist derzeit in aller Munde. Wie sehr verändert die Technologie unseren Alltag?
Marc Stampfli: KI ist keine Technologie der Zukunft mehr, sie ist bereits tief in unseren Alltag eingebettet. Wenn ein Arzt eine Diagnose schneller stellt, weil KI-Bildgebungs daten auswertet, wenn ein Finanzdienstleister Betrug in Echtzeit erkennt – das ist KI in der Praxis. Die eigentliche Transformation findet jedoch gerade erst statt: KI beginnt, nicht nur einzelne Aufgaben zu unterstützen, sondern ganze Wertschöpfungsketten neu zu gestalten.

Sie sagten einmal, die Veränderungen durch KI werden revolutionär sein. Warum sind Sie davon überzeugt?
Jede grosse Technologiewelle der Vergangenheit – das Internet, das Smartphone, Cloud Computing – hat die Realität noch übertroffen. Bei KI sehen wir heute bereits messbare wirtschaftliche Resultate. Unsere Kunden investieren nicht, weil sie einem Trend folgen wollen, sondern weil sie konkrete Wirtschaftlichkeitsberechnungen vor sich haben. Wenn ein Pharmaunternehmen die Zeit für Medikamentenentwicklung von Jahren auf Monate reduziert, ist das struktureller Wandel.

KI entwickelt sich laufend weiter. Welche Veränderungen sind in Zukunft zu erwarten?
Die nächste grosse Stufe sind multi-agentische KI-Systeme – KI, die nicht nur antwortet, sondern eigenständig denkt und komplexe Aufgaben ausführt. Gleichzeitig erleben wir eine Verschmelzung von physischer und digitaler Welt: KI in Robotern, autonomen Fahrzeugen und industriellen Systemen wird die nächste industrielle Revolution einläuten. Für Liechtenstein und die Schweiz ist das besonders relevant, da unsere Stärken in Präzisionsmanufaktur und Ingenieurwesen liegen.

Was macht KI als Technologie so einzigartig?
KI ist eine universale Technologie, die sich selbst verbessert und branchenübergreifend anwendbar ist. Grafikprozessoren haben KI erst möglich gemacht, vergleichbar mit der Rolle, die Elektrizität für die Industrialisierung gespielt hat.

In welchen Bereichen wird KI zu besonders grossen Veränderungen führen?
Drei Bereiche sind besonders transformativ: Erstens das Gesundheitswesen, von Diagnostik bis personalisierte Medizin. Zweitens die Finanzbranche – gerade in Liechtenstein sehen wir, wie führende Institute KI für Risikomanagement und Regulatorik einsetzen. Drittens kritische Infrastruktur wie Energie und Telekommunikation. Liechtenstein hat als Finanz- und Industriestandort in allen drei Bereichen die Chance, Vorreiter zu werden.

Wie müssen wir den potenziellen Gefahren von KI begegnen?
Wir setzen uns für vertrauensbildende Technologien und interoperable Standards ein, die Transparenz, Sicherheit und grenzüberschreitende Compliance gewährleisten. Die Lösung besteht in besseren Richtlinien und klaren Verantwortlichkeiten – von Transparenz- und Prüfungsanforderungen bis hin zu Aufsicht und Haftung. Die Regulierung sollte für Einheitlichkeit, Transparenz und Sicherheit sorgen, ohne dabei Innovationen zu behindern. Darüber hinaus ist es von entscheidender Bedeutung, vollständige Transparenz darüber zu gewährleisten, welche Daten für das Training von KI-Modellen verwendet werden, und sicherzustellen, dass personenbezogene Daten ordnungsgemäss anonymisiert oder aus den Trainingsdatensätzen entfernt werden, damit sensible personenbezogene Daten nicht ungewollt in den Modellergebnissen offengelegt werden.

Welches Know-how braucht es, um KI richtig anwenden zu können?
Man muss nicht mehr ein Datenwissenschaftler sein, um KI effektiv einzusetzen. Was es braucht, ist KI-Kompetenz auf allen Ebenen – von der Führungsetage bis zur Belegschaft. Entscheidend ist zudem eine solide Datenstrategie: Ohne gute Daten kein gutes KI-Ergebnis. Investitionen in Menschen und Daten sind mindestens so wichtig wie Investitionen in Technologie.