Cornelia Diethelm ist eine der führenden Stimmen für digitale Ethik im deutschsprachigen Raum und KI-Expertin. Als Gründerin des Centre for Digital Responsibility (CDR) engagiert sie sich für einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten, künstlicher Intelligenz und digitalen Technologien. Sie verbindet langjährige Erfahrung in Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft und gilt als Brückenbauerin zwischen unternehmerischen Zielen und gesellschaftlichen Erwartungen. Ihre Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet – unter anderem als LinkedIn Top Voice und als eine der Top 100 Frauen der Schweiz. Am Digital Summit am 24. März in Vaduz teilt sie ihre Perspektiven auf ethische Digitalisierung, KI-Regulierung und zukunftsfähige Innovation.

Cornelia, Du bist eine der profiliertesten Stimmen für digitale Ethik im deutschsprachigen Raum. Was bedeutet für Dich «verantwortungsvolle Digitalisierung» ganz konkret?
Wir sollten uns überlegen, wie wir die Lebensqualität der Menschen in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen und am Arbeitsplatz weiter verbessern können. Die neuen Möglichkeiten sind ein Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck, zum Beispiel um Krankheiten frühzeitig zu erkennen, den besten Kundenservice zu bieten oder Dienstleistungen für alle Menschen zugänglich zu machen. Ziel sollten echte Mehrwerte für die Kundschaft, für Mitarbeitende und für die Gesellschaft sein, nicht einseitige Kosteneinsparungen.

Künstliche Intelligenz entwickelt sich rasant weiter – wo siehst Du aktuell die grössten ethischen Herausforderungen im Umgang mit KI, sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf unternehmerischer Ebene?
Ein grosses Missverständnis ist die Annahme, KI sei neutral. Doch KI-Systeme sind von A bis Z ein menschliches Produkt, also das Gegenteil von objektiv oder fair. Dies zu verstehen ist wichtig für den Entscheid, wo KI wirklich einen sinnvollen Beitrag leisten kann – und wo nicht. Zum Beispiel kann ein KI-System nicht beurteilen, ob eine Bewerberin für eine offene Stelle in Frage kommt. Falsche Anwendungsbereiche von KI lösen viele ethische Fragen aus.

Ein weiteres grosses Thema ist die Gefahr der Täuschung. Zum Beispiel nutzen Kriminelle das Klonen von Stimmen oder sie erstellen Deepfakes von Menschen, um andere zu täuschen und so Geld zu erbeuten. Auch KI-Chatbots beantworten unsere Fragen bereits so menschenähnlich, dass Unternehmen deklarieren sollten, ob wir mit einer Maschine oder einem Menschen sprechen.

Auch die Vorstellung, dass wir mit Daten und Technologien jedes Problem lösen können, löst bei mir Bauchschmerzen aus. Wir Menschen sind soziale und selbstbestimmte Wesen und dürfen nicht wie Maschinen behandelt werden, die auf Schritt und Tritt vermessen und überwacht werden.

Viele Unternehmen möchten «ethisch» mit Daten und KI umgehen, aber was heisst das in der Praxis? Wo stehen die Unternehmen heute wirklich?
Im Moment sind viele Führungskräfte von den neuen Möglichkeiten so fasziniert, dass sie einfach einmal loslegen. Dabei werden mögliche Schadenspotenziale für betroffene Personen oder Reputationsrisiken viel zu oft unterschätzen. Viele Projekte sind schlicht nicht durchdacht. Hier sind Unternehmen mit starken Unternehmenswerten im Vorteil, so meine Erfahrung: Sie lassen sich nicht von der Technologie leiten, sondern sie überlegen sich, was sie besser machen könnten, zum Beispiel indem Mitarbeitende bei komplexen Tätigkeiten unterstützt oder von Fleissarbeiten entlastet werden.

Du bist Gründerin des Centre for Digital Responsibility. Welche Impulse gibst Du Unternehmen mit, die KI oder datengetriebene Innovationen einführen wollen?
Ich motiviere Unternehmen, sich nicht von den übertriebenen Versprechen der Anbieter leiten zu lassen, sondern intern Wissen aufzubauen sowie Zeit für die ethische Reflexion über Chancen und Risiken vorzusehen. Und weil die Mitarbeitenden das Unternehmen und die Kundschaft am besten kennen, lohnt es sich, sie zu involvieren und mitentscheiden zu lassen, wo sich echte Mehrwerte erzielen lassen, zum Beispiel indem Prozesse vereinfacht und neue Dienstleistungen angeboten werden.

Vertrauen ist eine zentrale Voraussetzung für digitale Innovation. Wie lässt sich Vertrauen in KI-Systeme aufbauen, und wie schnell ist es verspielt?
Vertrauen zu verspielen geht tatsächlich sehr schnell. Das Wichtigste ist der Entscheid, wo KI-Systeme eingesetzt werden. Sie sollten nur da eingesetzt werden, wo sie verlässlich funktionieren und für die Betroffenen einen Nutzen stiften. Oft lohnt sich ein Pilotprojekt, um sicherzustellen, dass dem wirklich so ist.

Der diesjährige Digital Summit steht unter dem Motto Globale Technologie trifft europäische Souveränität. Was ist Deine Haltung dazu: Wo siehst Du Europas Chancen im globalen Tech-Wettbewerb und wo lauern die grössten Risiken?
Das grösste Risiko sehe ich darin, dass wir uns ständig mit Amerika und China vergleichen. Europa ist kein Land! Europa besteht aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Rechtssystemen. Diese Vielfalt ist unsere Stärke und Schwäche zugleich: Schwäche, weil es ein fragmentierter Markt ist und es kein Unternehmen in Europa gibt, das mit Google & Co. mithalten kann. Stärke, weil wir in Europa einen hohen Lebensstandard geniessen und ein attraktiver Markt für globale Unternehmen sind. Deshalb haben sie ein Interesse daran, sich unseren Bedürfnissen anzupassen.

Ich hoffe natürlich, dass wir in Zukunft mehr europäische Unternehmen haben werden, die mit spezialisierten Angeboten und kleinen leistungsfähigen KI-Modellen unsere Souveränität in sensiblen Bereichen stärken. Gleichzeitig sollten wir uns fragen, was in Zukunft eine kritische Infrastruktur darstellt, die wir als Gesellschaft nicht privaten Akteuren überlassen möchten. Zum Beispiel befindet sich in Finnland bereits eine staatliche KI-Infrastruktur im Aufbau. Sie kann als Nährboden für Pilotprojekte und neue Produkte dienen.

Du unterrichtest Digitale Ethik, entwickelst Studiengänge und gibst praxisnahe Briefings – wie gross ist der Bedarf an ethischer Orientierung bei Führungskräften in der DACH-Region?
Generell nehme ich ein grosses Bedürfnis nach ethischer Orientierung wahr, neben den Führungskräften auch von vielen Mitarbeitenden, Personen aus der Beratung und Verwaltungsratsmitgliedern. Doch nicht alle nehmen sich die nötige Zeit, um sich systematisch mit den Unternehemenswerten sowie den Chancen und Risiken von KI auseinanderzusetzen. Und ohne diese Reflexion geht es nicht. Dabei wäre dies eine super Investition, um Wissen aufzubauen und dadurch unabhängiger von überzogenen Versprechen zu werden. Oder anders gesagt: Ethische Orientierung ist nicht mit einer Checkliste zu haben.

Liechtenstein positioniert sich mit Plattformen wie digital-liechtenstein.li als Plattform für Vernetzung und digitale Innovation. Was braucht es aus Deiner Sicht, damit ein kleiner Standort auch bei ethischen Fragen Vorreiter sein kann?
Liechtenstein ist für mich das beste Beispiel dafür, dass es nicht um die Grösse eines Standortes geht, sondern um den Mindset. Wichtig sind unabhängige Informationen, Austauschmöglichkeiten und praxisorientierte Schulungsangebote, um Unternehmen und die Bevölkerung für den verantwortungsvollen Umgang mit Daten und neuen Technologie zu sensibilisieren und zu befähigen.

Ebenso wichtig ist, dass ethische Fragen und die Auseinandersetzung mit Daten und Technologien noch stärker in den Lehrplan der Schulen integriert werden, denn auch die nächste Generation benötigt, ja wünscht sich Orientierung. Das ist gleichzeitig ein wichtiger Beitrag zur Chancengleichheit und zur Minderung des drohenden «Digital Divide» zwischen unterschiedlichen Personengruppen.

Du trittst am Digital Summit als Speakerin auf – was dürfen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Deinem Beitrag mitnehmen?
Ich werde zeigen, dass sich die verantwortungsvolle Nutzung von Daten und Technologien wie KI lohnt und wie wichtig es ist, die digitale Transformation zusammen mit den Mitarbeitenden und aktiv zu gestalten.

Zum Schluss: Welche Entwicklungen in der digitalen Welt machen Dir heute besonders Hoffnung – und wo siehst Du dringenden Handlungsbedarf?
Hoffnung macht mir das Naturell des Menschen: Wir passen uns ständig an neue Begebenheiten an und streben danach, unser Leben noch angenehmer zu gestalten. Das stimmt mich positiv für die Zukunft.

Grossen Respekt habe ich vor dem drohenden «Digital Divide» innerhalb der Gesellschaft und wie schnell sich einzelne Jobprofile in den nächsten Jahren verändern. Deshalb sehe ich dringenden Handlungsbedarf bei Aus- und Weiterbildungen und dass Unternehmen sowie der Staat die digitale Transformation sozialverantwortlich gestalten.

Cornelia, vielen Dank für das informative Gespräch.