Karsten Neugebauer ist Mitgründer und ehemaliger CEO des KI-Startups G2K Group, das 2023 vom US-Technologiekonzern ServiceNow übernommen wurde. Mit dem Exit erzielte er einen der grössten KI-Deals Europas. Heute lebt er in Liechtenstein. Karsten Neugebauer wird am Digital Summit 2026 als Speaker auftreten und Einblicke in die Welt der skalierbaren KI-Innovationen, Unternehmertum und globalem Wachstum geben. Mit seiner neuen Lebensphase in Liechtenstein schlägt er ein weiteres spannendes Kapitel auf.
Karsten, Du hast mit G2K einen der grössten europäischen KI-Exits realisiert. Wie kam es zur Übernahme durch ServiceNow und wie lief der Deal konkret ab?
Wie man sich vorstellen kann, war es kein einfacher Weg. Mit dem Einstieg der Schwarz Gruppe ist uns der Durchbruch gelungen. Viele grosse Strategiepartner wollten die Schwarz Gruppe digitalisieren aber wir haben
gewonnen und konnten die gewünschten Lösungen präsentieren. Für Service Now war es dann eine logische Konsequenz ihrer Strategie, dass sie auf unsere Unternehmen aufmerksam wurden. Wir hatten während des Prozesses viele Entscheidungen zu treffen und wurden bis auf das Unterhemd durchleuchtet. Am Ende war es aber ein straffer Prozess während der Due Diligence, der ca. 1 Jahr in Anspruch genommen hat und wir konnten erfolgreich closen.
Der Verkauf eines eigenen Unternehmens ist nie nur ein wirtschaftlicher Schritt – wie schwer ist Dir dieser Entscheid gefallen, und was war Dir persönlich beim Deal mit ServiceNow besonders wichtig?
Ich bin Entrepreneur dahingehend emotionslos. Es war von Anfang an das Ziel, unser Unternehmen zu verkaufen. Das ist im KI-Umfeld auch normal. Man muss das richtige Zeitfenster finden, sonst haben die grossen Konzerne ihre eigene Technologie entwickelt. Wir haben G2K mit einer Handvoll Mitarbeitern aufgebaut. Uns war zu jeder Zeit wichtig, dass wir diese Menschen am Erfolg beteiligen und vernünftige Lösungen für eine
Weiterbeschäftigung finden. Auch wenn es nicht immer zur perfekten Zufriedenheit geführt hat, so ist es mir bis heute wichtig, dass wir die Menschen in allen Prozessen nie verlieren, denn allein hätten Omar und ich
das Unternehmen nie so zu dem machen können, was es am Ende war.
Was genau macht die KI-Software von G2K und was hat sie so attraktiv für Tech-Giganten wie Google, Microsoft und letztlich ServiceNow gemacht?
Wir haben es geschafft, eine Künstliche Intelligenz namens Parsifal zu entwickeln, die in Echtzeit grosse Mengen gesammelter Daten analysieren und für Unternehmen daraus konkrete Handlungsempfehlungen aussprechen kann. Wir konnten Lösungen bieten für diverse konkrete Businesscases. Somit schafft man Value, denn am Ende geht es immer um einen Benefit. Für die Handelsbranche zum Beispiel war das eine
interessante Geschichte, da Parsifal anzeigt, wenn ein Verkaufsregal in einem Geschäft leer oder eine Grösse vergriffen ist. Die KI bietet dann auch Empfehlungen und Lösungsvorschläge an.
Wie hat Dich persönlich der Exit verändert – geschäftlich wie auch menschlich?
Sicherlich können andere das besser beurteilen. Ich denke, ich war und bin immer Unternehmer und Freigeist. Für mich hat sich nicht viel verändert. Natürlich habe ich nun mehr Freiheiten, aber im Grund bin ich derselbe Mensch wie vorher.
Was waren rückblickend Deine grössten Learnings aus zehn Jahren Start-up-Aufbau bis hin zum Exit?
Disziplin, Willen und sich nicht von Dritten verunsichern lassen. Für mich ist es wichtig, dass man seine Ziele nicht aus dem Auge verliert, auch wenn der Weg nicht immer gerade ist und man viele Hürden überwinden muss. Mit eigenem Willen und Durchsetzungsstärke kann man vieles erreichen.
Der diesjährige Digital Summit steht unter dem Leitthema „Globale Technologie trifft europäische Souveränität“. Wie blickst Du auf Europas Rolle im globalen KI-Rennen – wo liegen aus Deiner Sicht Chancen, und wo besteht Nachholbedarf?
Europas Rolle im globalen KI-Rennen ist strategisch wichtig – aber strukturell herausfordernd. Im Vergleich zu den Vereinigte Staaten und China agiert Europa anders: weniger kapitalgetrieben und stark reguliert. Daher muss sich die Finanzierung, die Regulatorik und die Auftragsvergabe der öffentlichen Hand ändern. Wir müssen in Europa selbstbewusster werden und die enormen Potenziale an erfolgreichen Gründern heben. Europa bringt exzellente KI-Forscher hervor, das Problem ist nur: Viele wechseln später in die USA. Dem müssen wir entgegenstehen, gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Änderungen in den Beziehungen zwischen der EU und den USA.
Wie sieht Dein neues Kapitel nach G2K aus, woran arbeitest Du heute? Gibt es neue unternehmerische Ideen oder Projekte?
Ja natürlich. Wir arbeiten aktuell an einem eigenen KI-Fonds, der hier in Liechtenstein zusammen mit der LGT aufgesetzt wird. Das ist eine Menge Arbeit, aber ich denke, auch das werden wir zu einem sehr grossen Erfolg
führen. Zusätzlich engagiere ich mich in der Universität Liechtenstein und halte Gastvorträge in den Lesungen von Prof. Benjamin van Giffen.
Du hast Deinen Lebensmittelpunkt nach Liechtenstein verlegt. Was hat Dich hierher geführt?
Mich reizt dieses wunderschöne Land mit seiner herrlichen Alpenlandschaft. Ich fühle mich hier sicher und willkommen, geniesse die Natur, die perfekte Infrastruktur und die Freundlichkeit der Menschen. Das hochentwickelte Banken- und Treuhandwesen bietet mir eine professionelle Vermögensstrukturierung und lässt sich sehr gut für unsere weiteren Geschäftsaktivitäten nutzen.
Wie nimmst Du das digitale Ökosystem in Liechtenstein wahr? Welche Potenziale siehst Du, besonders im KI-Bereich?
Liechtenstein hat in den letzten Jahren konkrete Initiativen zur digitalen Transformation gestartet und treibt diese strukturiert voran. Dazu zählt die „Digitale Roadmap 2030“, die Digitalisierung als strategischen Schwerpunkt festschreibt und KI sowie Nachhaltigkeit als Querschnittsthemen definiert. Aktuell nehme ich wahr, dass ein grosser Teil der Digitalstrategie auf Infrastruktur, Verwaltung, Cybersicherheit und Vernetzung ausgerichtet. Die KI-Spezialisierung ist vorhanden und anwendungsorientiert ausgerichtet. Ich wünsche mir tiefergehende KI-Forschungs- oder Gründungsökosysteme. So kann KI klassische Kernsektoren (Finanzen, Produktion, Logistik, Verwaltung) effizienter, datengetriebener und innovativer machen.
Was würdest Du jungen Gründerinnen und Gründern mitgeben, die in Europa ein Tech-Start-up aufbauen wollen, gerade in herausfordernden Zeiten wie diesen?
Bleibt euch selbst treu, nehmt auch schwierige Zeiten als Herausforderungen an und lernt daraus. Am Ende wird Zielstrebigkeit belohnt.
Du trittst am Digital Summit als Speaker auf. Was dürfen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Deinem Talk erwarten?
Ich werde keinen Technologievortrag halten sondern anhand meiner Geschichte aufzeigen, wie ein KI-Unternehmen zum Erfolg geführt wird. Sicherlich kann ich auch die ein oder andere Anekdote erzählen, die zum Schmunzeln einlädt.
Zum Abschluss: Wenn Du auf die kommenden Jahre blickst, was treibt Dich persönlich und beruflich an?
Wenn ich es auf zwei Ebenen beantworte – persönlich (im Sinne meiner Ausrichtung) und beruflich (im Sinne meiner Funktion) – dann würde ich es so formulieren: Unsere Welt wird nicht nur digitaler, sondern komplexer: KI verändert Wertschöpfung, Kapitalströme verschieben sich, Staaten regulieren sich neu und Geschäftsmodelle transformieren sich. Ich sehe meine Rolle darin, Komplexität zu reduzieren, ohne sie zu trivialisieren. Mich motiviert besonders der Austausch mit Entscheidern, Unternehmern und Investoren – also Menschen, die Verantwortung tragen. Technologie ist nie neutral. KI verändert Entscheidungen,
Märkte, Wissenszugang – und damit Einfluss. Mich treibt an, dass technologische Entwicklung mit Reflexion einhergeht. Fortschritt ohne Verantwortung ist instabil. Regulierung ohne Innovationsgeist ist lähmend. Die Balance ist entscheidend.
Karsten, vielen Dank für das informative Gespräch.